
Spätestens beim ersten größeren Projekt taucht die Frage auf: Was mache ich, wenn das Knäuel zur Neige geht? Den alten Faden einfach hängen lassen und mit dem neuen weiterstricken? Funktioniert – sieht aber bescheiden aus und produziert zwei Vernähstellen. Es geht besser. Hier sind drei bewährte Methoden, mit denen du Garn nahtlos verbindest – und am Ende keine sichtbare Stelle mehr im fertigen Stück hast.
Wann brauchst du eine Verbindung?
- Wenn ein Knäuel ausgeht und das nächste anfängt.
- Wenn du beim Aufribbeln eine Stelle abschneiden musstest und weiterarbeiten willst.
- Wenn du beim mehrfarbigen Stricken Farben wechselst.
- Wenn ein Garn an einer Stelle gerissen ist.
In allen diesen Fällen entscheidest du zwischen drei Methoden – plus der „Standard-Lösung“, einfach beide Enden hängen zu lassen und nachträglich zu vernähen. Letzteres ist der Notfall, wenn die anderen Methoden nicht passen.
Methode 1: Russian Join
Die Russian Join ist die unkomplizierteste der drei „echten“ Verbindungen. Sie funktioniert mit allen Garnen, die sich mit einer Stopfnadel durchstechen lassen – also praktisch jedem Wollgarn, vielen Mischgarnen und Baumwolle.
So geht’s:
- Fädle das alte Fadenende in eine stumpfe Stopfnadel.
- Stich die Nadel in den Faden selbst ein – ungefähr 5 cm vom Ende entfernt – und führe sie innerhalb des Fadens entlang weitere 5 cm. Es entsteht eine kleine Schlaufe am Ende.
- Ziehe den Faden so weit durch, dass eine kleine Schlaufe übrigbleibt.
- Fädle das neue Fadenende durch diese Schlaufe.
- Wiederhole den Vorgang mit dem neuen Faden: Stich die Nadel in den eigenen Faden ein, führe sie durch das Faseninnere, ziehe durch.
- Beide Fäden ineinander verhakt jetzt – ziehe leicht an beiden Seiten, bis sich die Schlaufen schließen.
- Schneide die kleinen überstehenden Enden ab.
Vorteile: Verbindung ist solide, kommt mit normalem Faden aus, keine Knoten, keine sichtbare Verdickung. Funktioniert auch mit glatten Garnen wie Baumwolle.
Nachteile: Bei sehr dünnem Garn (Lace, fingering) kann die verbundene Stelle leicht sichtbar werden. Bei sehr dickem Garn produziert die doppelte Faserführung eine kleine Verdickung. Bei mehrfädigen oder lockeren Garnen kann das Einsticheln tricky werden.
Wann nehmen? Standard-Methode für Pullover, Cardigans, Tücher, alles, was nicht direkt am Hals sitzt.
Methode 2: Magic Knot (Kreuzknoten)
Die schnellste Methode überhaupt. Funktioniert in einer Minute und braucht keine Stopfnadel – nur eine Schere.
So geht’s:
- Lege das alte und das neue Fadenende parallel zueinander, aber in entgegengesetzte Richtungen.
- Mache mit dem alten Faden einen einfachen Knoten um den neuen Faden herum – ungefähr 5 cm vom Ende des neuen Fadens entfernt.
- Mache mit dem neuen Faden einen einfachen Knoten um den alten Faden herum – ungefähr 5 cm vom Ende des alten Fadens entfernt.
- Ziehe an beiden langen Faden-Enden.
- Die zwei Knoten rutschen aufeinander zu und verkeilen sich – sie ziehen sich zu einem festen, sehr kleinen Knotenpunkt zusammen.
- Schneide die kurzen Enden direkt am Knoten ab.
Vorteile: Schnell, kein Werkzeug außer einer Schere, sehr stabil.
Nachteile: Es bleibt ein winziger Knoten im Faden – bei genauer Betrachtung sichtbar oder beim Tragen spürbar. Auf der Haut, also im Halsausschnitt oder am Handgelenk, eher nicht zu empfehlen. Bei sehr feinen Garnen kann der Knoten optisch auffallen.
Wann nehmen? Bei Decken, Schals, Tüchern, Granny-Square-Decken oder Stücken, bei denen der Knoten unsichtbar im Inneren des Strickbildes verschwindet. Auch bei festen Häkelmustern eine gute Wahl.
Methode 3: Verfilzen (für reine Wolle)
Die eleganteste Lösung – aber sie funktioniert nur mit reinen Wollgarnen, die nicht superwash-behandelt sind. Bei Mischfasern, Baumwolle oder behandelter Wolle versagt diese Methode.
So geht’s:
- Lege die beiden Fadenenden parallel, etwa 5 – 7 cm überlappend.
- Befeuchte die Stelle leicht mit Wasser oder Speichel.
- Reibe die Stelle kräftig zwischen den Handflächen – die Fasern verfilzen miteinander durch die Reibung und Feuchtigkeit.
- Die beiden Fäden werden so zu einem einzigen Faden verbunden, der nahtlos weiterstrickbar ist.
Vorteile: Komplett unsichtbare Verbindung. Keine Knoten, keine Verdickung, kein Vernähen am Ende. Die mit Abstand schönste Lösung.
Nachteile: Funktioniert nur mit reinen Naturwollen, die filzfähig sind. Superwash-Wolle, Acryl, Baumwolle und die meisten Mischgarne lassen sich nicht so verbinden – die Reibung produziert dort einfach nichts.
Wann nehmen? Bei reinen Merino- oder Schurwollgarnen, Alpaka-Mischungen ohne Superwash, traditionellen Naturwollen. Vor dem ersten Mal an einem Probestück testen.
Welche Methode für welches Projekt?
| Projekt / Garn | Empfohlene Methode |
|---|---|
| Pullover aus reiner Wolle (nicht superwash) | Verfilzen |
| Pullover aus Merino mit Superwash | Russian Join |
| Schal, Tuch | Russian Join oder Magic Knot |
| Granny-Square-Decke | Magic Knot |
| Babykleidung | Russian Join (kein Knoten am Körper) |
| Sockenwolle | Russian Join (Knoten könnte am Fuß stören) |
| Baumwollgarn | Russian Join |
| Acryl/Mischgarn | Russian Join oder Magic Knot |
Häufige Fehler
Russian Join nicht weit genug eingestochen. Wenn die Verbindung weniger als 4 cm überlappt, hält sie nicht stabil. Lieber zu lang als zu kurz.
Magic Knot mit nur einem Knoten. Beide Knoten müssen geknotet werden, sonst rutscht die Verbindung auseinander. Beide Faden, beide Knoten, in entgegengesetzte Richtungen.
Verfilzen mit Superwash-Wolle. Funktioniert nicht. Vor dem Probieren an einem Stück Garn testen, ob es sich filzen lässt: Wenn sich die Fasern beim Reiben nicht zusammenziehen, ist es nicht filzfähig.
Verbindung an exponierter Stelle. Mitten im glatt rechten Hauptteil einer einfarbigen Decke ist eine Verbindung am sichtbarsten. Plane den Knäuelwechsel nach Möglichkeit am Reihenende oder an einer Mustergrenze.
Zum Schluss
Garn verbinden ist keine Hexerei – aber es macht den Unterschied zwischen einem Strickstück mit acht hängenden Fäden und einem, das wirkt wie aus einem Stück. Welche Methode du wählst, hängt vom Material und vom Projekt ab. Wer alle drei einmal ausprobiert hat, hat für jeden Fall die richtige Lösung parat. Und das Ergebnis spricht für sich: Weniger vernähen, weniger sichtbare Stellen, mehr Freude am fertigen Stück.


