
Du hast einen Pullover gestrickt, alle Maschen sitzen, alle Nähte sind geschlossen – aber das Stück sieht irgendwie unfertig aus. Die Ränder rollen sich. Das Maschenbild wirkt unruhig. Die Form ist schief. Die Lösung dafür heißt Blocking (auch Spannen genannt) – ein Schritt, den viele Anfänger:innen überspringen, der aber den Unterschied zwischen einem „selbst gemachten“ und einem „professionell aussehenden“ Strickstück ausmacht.
Was ist Blocking?
Blocking bedeutet: Du wäschst dein Strickstück, bringst es in seine Zielform und lässt es so trocknen. Dabei „lernen“ die Fasern ihre neue Form. Das Maschenbild glättet sich, kleine Unregelmäßigkeiten verschwinden, Mustermaschen treten klarer hervor, und Spitzen oder Tücher entfalten ihre vollen Strukturen.
Es ist kein Reinigungsschritt, sondern ein gestaltender Schritt – Blocking macht aus dem fertig gestrickten Stück erst das fertige Werk.
Was du brauchst
- Eine Schüssel oder das Waschbecken.
- Mildes Wollwaschmittel oder ein spezielles „No-Rinse“-Pflegemittel (Soak, Eucalan).
- Saubere Handtücher.
- Eine ebene Trocknungsfläche: Blockingmatten (Schaumstoffmatten), ein Bett, eine große Yogamatte, oder ein gepolsterter Teppich, den du nicht für andere Zwecke brauchst.
- Blocking-Nadeln oder T-Nadeln (rostfrei).
- Optional: Blocking-Drähte für gerade Kanten von Tüchern und Schaltüchern.
So gehst du vor – Schritt für Schritt
Schritt 1: Wässern
Lege das Strickstück in eine Schüssel mit lauwarmem Wasser. Bei Bedarf etwas Wollwaschmittel hinzufügen. Drücke das Stück sanft unter Wasser und lasse es 15 – 20 Minuten einweichen. Nicht reiben, nicht wringen – Wolle filzt bei Reibung.
Schritt 2: Vorsichtig ausdrücken
Hebe das Stück aus dem Wasser und drücke das Wasser sanft heraus, ohne zu wringen. Lege das Stück flach auf ein trockenes Handtuch, rolle das Handtuch wie eine Roulade auf und drücke kräftig. Dadurch entzieht das Handtuch die größte Feuchtigkeit.
Schritt 3: In Form bringen
Lege das Stück auf deine Blocking-Fläche. Bringe es in die gewünschten Maße – nutze ein Maßband, um Brustweite, Länge und Ärmellänge zu kontrollieren. Bei Tüchern: spanne die Spitzen aus, sodass das Lochmuster sichtbar wird. Bei Pullovern: lege Vorder- und Rückteil aufeinander und gleiche an, dass sie identische Maße haben.
Schritt 4: Fixieren
Mit Blocking-Nadeln oder T-Nadeln das Stück an seinen Konturen feststecken. Bei Tüchern: jede einzelne Spitze einzeln nadeln. Bei Pullovern: nur die Außenkanten, um Brustweite und Länge zu fixieren – das Innere lässt sich von selbst glätten. Blocking-Drähte ersetzen viele einzelne Nadeln und ergeben perfekt gerade Kanten.
Schritt 5: Komplett trocknen lassen
Bei normaler Raumtemperatur, mit etwas Luftbewegung. Je nach Garn und Dicke dauert das 12 – 48 Stunden. Nicht in die Sonne legen (Farbverlust), nicht föhnen (Wolle reagiert empfindlich auf konzentrierte Wärme).
Schritt 6: Abnehmen und beurteilen
Wenn das Stück komplett trocken ist, Nadeln entfernen. Das Stück hält die Form auch nach dem Lösen.
Wet Blocking vs. Steam Blocking
Es gibt zwei Hauptmethoden:
Wet Blocking (komplettes Wässern): die oben beschriebene Standardmethode. Wirkt am stärksten, hält am längsten, geeignet für die meisten Fasern.
Steam Blocking (Dampfblocking): Stück feststecken, dann mit einem Dampfbügeleisen aus 5 – 10 cm Abstand bedampfen, ohne aufzulegen. Das Stück nimmt Feuchtigkeit auf, nimmt die Form an. Vorteil: schneller. Nachteil: weniger intensive Wirkung. Geeignet für Auffrisch-Blocken zwischen Wäschen.
Welche Methode wann?
- Erstmaliges Blocken nach Fertigstellung: immer Wet Blocking.
- Auffrischen nach mehrfachem Tragen: Steam Blocking reicht oft.
- Empfindliche Fasern (Mohair, Angora): Steam Blocking sanfter.
Blocking nach Materialart
Wolle und Wollmischungen
Wolle reagiert hervorragend auf Blocking – das Material „lernt“ die Form sehr gut. Hier wirkt der Effekt am stärksten und am dauerhaftesten. Standardmethode: Wet Blocking.
Baumwolle
Baumwolle hat keinen Memory-Effekt, aber Blocking glättet das Maschenbild trotzdem. Der Formhalt ist allerdings begrenzt – nach mehreren Wäschen muss neu geblockt werden.
Acryl
Acryl reagiert wenig auf normales Wet Blocking. Wer wirklich Form geben will, muss zu „Killing“ greifen: vorsichtiges Bedampfen mit hoher Temperatur. Das verändert die Faser dauerhaft – sie wird weicher, fluffiger, formstabiler. Aber: Es funktioniert nur einmal, und es kann das Material auch ruinieren. Vorher immer an einer Maschenprobe testen.
Alpaka
Alpaka neigt nach dem Blocken dazu, sich zu längen. Bei Pullovern darauf achten, das Stück nicht in zu langer Form festzustecken – sonst hängt es nach dem ersten Tragen sichtbar nach unten.
Seide und Lacegarne
Profitieren am meisten vom Blocking. Spitzentücher entfalten ihre Lochmuster oft erst beim ersten Spannen. Hier lohnt es sich, mit Blocking-Drähten zu arbeiten.
Wann unbedingt blocken?
- Nach Fertigstellung jedes Pullovers vor dem Zusammennähen (lose Teile lassen sich besser blocken als das geschlossene Stück).
- Tücher und Spitzentücher – ohne Blocking sieht das Lochmuster nicht aus.
- Maschenproben – ohne Blocking misst du das ungewaschene Stück, das später anders aussieht.
- Vor dem Schenken – ein geblocktes Stück sieht in Geschenkform sofort professionell aus.
Wann ist Blocking optional?
- Topflappen, Spüllappen.
- Strickstücke aus reinem Acryl ohne Anspruch auf perfekte Form.
- Schals aus krause-rechts-Maschenbild – die Struktur nimmt selten Schaden, profitiert aber wenig.
Häufige Fehler
Zu fest gespannt. Blocking soll Form geben, nicht das Stück verformen. Wenn das Maschenbild auseinandergezogen wirkt, hast du übertrieben – beim nächsten Mal weniger Spannung.
Auf direkter Sonne getrocknet. Farben können ausbleichen. Lieber im Schatten oder in einem belüfteten Raum.
Blocking-Matte ohne Schutz. Schaumstoffmatten können bei feuchten Stücken weicher werden – ein Handtuch dazwischen verhindert das.
Eine Seite ungleichmäßig fixiert. Beim Pullover lohnt es sich, mit Maßband zu arbeiten, sonst wird er asymmetrisch.
Zum Schluss
Blocking ist der Schritt, der „fertig gestrickt“ zu „fertig“ macht. Wer einmal den Unterschied zwischen einem geblocketen und einem ungeblocketen Stück gesehen hat, lässt diesen Schritt nie wieder weg. Es kostet ein bis zwei Tage Geduld – aber die Investition zahlt sich aus, jedes Mal. Was vorher unruhig oder unfertig wirkte, ist danach klar, ruhig und professionell.


