
sauber, elastisch und ohne Wellen
Du hast einen Schal fertig gestrickt, einen Pullover oder eine Mütze – alles sieht gut aus. Dann kommt die letzte Reihe, du kettest ab, und plötzlich zieht sich die Kante zusammen. Oder sie wellt sich. Oder sie wird so steif, dass du den Pullover kaum noch über den Kopf bekommst. Willkommen in einem der häufigsten Frustmomente beim Stricken.
Die gute Nachricht: Das Problem liegt fast nie an den Maschen davor, sondern an der Abkett-Methode. Und es gibt für jede Art von Strickstück eine passende Technik – wer die kennt, kann jede Kante so abketten, wie sie sein soll: gerade, elastisch und ohne Wellen.
Warum es überhaupt schiefgeht
Beim Stricken haben deine Maschen eine bestimmte Spannung – sie sind elastisch, sie geben nach, sie ziehen sich wieder zusammen. Wenn du ganz normal abkettest, ersetzt du diese elastischen Maschen durch eine Reihe Knoten. Die Kante wird dadurch fast zwangsläufig fester als der Rest des Strickstücks. Das ist beim Schal egal, beim Pulloverhalsausschnitt katastrophal.
Drei Effekte sieht man am häufigsten:
Die Kante zieht sich zusammen. Klassisches Symptom: Der Halsausschnitt sitzt eng, das Strickstück oben „kneift“. Hier wurde meistens zu fest abgekettet.
Die Kante wellt sich. Das Strickstück liegt flach, aber die obere Kante wirft Wellen. Das Gegenteil von oben – die Abkett-Reihe ist lockerer als das Maschenbild darunter, also wirft sie Material.
Die Kante steht ab. Sie ist weder elastisch noch flach, sondern eine harte, spürbare Linie. Typisch bei dicht abgeketteten Bündchen.
Die drei wichtigsten Methoden
Mehr als drei Techniken brauchst du für 90 % aller Strickprojekte nicht. Welche du wählst, hängt davon ab, was die Kante können muss.
1. Die klassische Abkettung – der Standard
Die am häufigsten gelehrte und am häufigsten genutzte Methode. Sie funktioniert für alles, was später nicht über den Kopf gezogen werden muss: Schals, Decken, Tücher, einfache Stirnbänder, Topflappen.
So geht’s:
- Stricke die ersten beiden Maschen ganz normal ab (rechts oder links, je nach Muster).
- Stich mit der linken Nadel von links in die zuerst gestrickte Masche und hebe sie über die zweite Masche und über die rechte Nadel.
- Du hast jetzt nur noch eine Masche auf der rechten Nadel. Stricke die nächste Masche und wiederhole den Vorgang: zweite Masche über die erste heben, Faden weiterziehen.
- Am Ende den Faden abschneiden und durch die letzte Schlinge ziehen.
Wichtig: Stricke die Maschen vor dem Abheben locker. Wer die Methode kennt, aber die Spannung zu fest hält, bekommt trotzdem eine ziehende Kante. Faustregel: Die Abkettmaschen sollten optisch genauso aussehen wie eine normale Maschenreihe – nicht enger.
Vorteile: schnell, sauber, optisch ruhig. Nachteil: wenig elastisch.
2. Die elastische Abkettung – für alles, was über den Kopf muss
Die wichtigste Methode überhaupt für Pullover, Mützen und alles, wo die Kante dehnbar bleiben muss. Sie ist eine kleine Variante der klassischen Methode – mit einem entscheidenden Zusatz.
So geht’s:
- Stricke die erste Masche normal ab.
- Bevor du die nächste Masche strickst, führe einen Umschlag um die rechte Nadel.
- Stricke die nächste Masche.
- Hebe nun nacheinander den Umschlag und die zuerst gestrickte Masche über die zuletzt gestrickte Masche.
- Wiederhole den Vorgang über die ganze Reihe.
Der zusätzliche Umschlag schafft kleine „Reserven“ zwischen den Maschen – die Kante kann sich dadurch dehnen, ohne zu reißen. Optisch sieht sie aus wie eine ganz normale Abkettung, ist aber spürbar elastischer.
Wann genau diese Methode?
- Pullover-Halsausschnitte
- Mützen-Bündchen, falls oben abgekettet wird
- Ärmel, die direkt enden ohne Bündchen
- alles mit Rippenmuster, das seine Elastizität behalten soll
Vorteile: dehnbar, optisch ruhig, einfach zu erlernen. Nachteil: etwas langsamer als die klassische Methode.
3. Die genähte Abkettung (Italienische Abkettung) – das Premium-Finish für Bündchen
Wenn dein Pulloverbündchen mit dem italienischen Anschlag begonnen hat, gehört am Ende auch eine entsprechend hochwertige Abkettung dran. Die genähte Abkettung – auch bekannt als Tubular Bind-off oder Kitchener Bind-off für Rippen – erzeugt eine schmal gerollte Kante, die nahtlos in das Rippenmuster übergeht. Sie ist am elastischsten von allen Methoden und sieht professionell aus.
Grundprinzip: Du arbeitest die Maschen mit einer Stopfnadel und einem mehrfach so langen Faden ab, ähnlich wie beim Maschenstich. Rechte und linke Maschen werden dabei jeweils unterschiedlich durchstochen.
So geht’s in Kurzform:
- Schneide einen Faden ab, der ungefähr dreimal so lang ist wie die Breite deiner Abkettkante. Fädle ihn in eine stumpfe Stopfnadel.
- Stich von rechts nach links durch die erste Masche (rechte Masche), lass sie aber auf der Nadel.
- Stich von links nach rechts durch die zweite Masche (linke Masche), Faden anziehen, Masche von der Nadel gleiten lassen.
- Stich erneut von rechts nach links durch die nächste rechte Masche, Faden anziehen, Masche abnehmen.
- Stich erneut von links nach rechts durch die nächste linke Masche – und so weiter bis zum Ende.
Das klingt komplizierter als es ist. Wer den Bewegungsablauf einmal verstanden hat, arbeitet die Reihe in zehn bis fünfzehn Minuten ab.
Wann lohnt es sich?
- bei sichtbaren Bündchen, die wirklich gut aussehen sollen
- bei Halsausschnitten, die eng anliegen, aber dehnbar sein müssen
- bei feinen Strickstücken, bei denen eine harte Kante stören würde
Vorteile: maximale Elastizität, professionelle Optik, geht nahtlos in das Bündchen über. Nachteile: zeitaufwendiger, Übungssache.
Die wichtigsten Praxistipps
Eine Nadelstärke größer abketten. Der einfachste Trick gegen zu enge Kanten: Wechsle für die Abkettreihe auf eine Nadel, die einen halben oder ganzen Millimeter dicker ist als die Stricknadel. Die Maschen werden automatisch lockerer, die Kante elastischer. Funktioniert mit allen Methoden.
Spannung kontrollieren. Wer dazu neigt, fest zu stricken, kettet meist auch fest ab. Bewusst locker arbeiten – die Maschen sollen nicht angezogen werden, bevor sie über die nächste gehoben werden.
Faden lang genug lassen. Für die normale Abkettung reicht etwa das Dreifache der Stückbreite. Für die genähte Abkettung das Drei- bis Vierfache. Wer mittendrin mit zu kurzem Faden steht, hat ein echtes Problem – ein neuer Faden in der Abkettreihe ist immer sichtbar.
An sichtbaren Stellen vorher testen. Bei Pullovern lohnt es sich, an einem Maschenprobenstück erst mal zu üben. Zwei Minuten Test sparen am Ende eine Stunde Auftrennen.
Nicht jede Kante muss elastisch sein. Bei Decken, Schals, Tüchern oder Topflappen ist die klassische Methode völlig ausreichend. Die elastische Variante ist nur sinnvoll, wo die Kante wirklich gedehnt wird. Mehr Aufwand bedeutet nicht automatisch ein besseres Ergebnis – die richtige Methode für das jeweilige Projekt ist das, was zählt.
Welche Methode für welches Projekt?
| Projekt | Empfohlene Methode |
|---|---|
| Schal, Tuch, Decke | Klassische Abkettung |
| Topflappen, Untersetzer | Klassische Abkettung |
| Pulloverhalsausschnitt | Elastische Abkettung |
| Mütze (oben) | Elastische Abkettung |
| Pulloverbündchen am Saum | Genähte Abkettung (italienisch) |
| Ärmelbündchen, Sockenrand | Genähte Abkettung |
| Strukturmuster (Zopf, Patent) | Elastische Abkettung |
Zum Schluss
Eine gute Abkettkante ist kein Glücksspiel und keine Frage von Talent. Sie ist eine Frage der richtigen Methode für das richtige Projekt – plus locker arbeiten. Wer die drei oben genannten Techniken beherrscht, bringt jedes Strickprojekt sauber zu Ende, ohne dass die letzte Reihe nachträglich alles verdirbt. Und das, was vorher Frust gemacht hat, wird zur Routine.


