
Auf jedem Knäuel klebt sie: die kleine Papierbanderole mit Symbolen, Zahlen und Abkürzungen. Für viele Anfänger:innen ist sie genauso rätselhaft wie eine Bedienungsanleitung in Mandarin. Dabei steht dort jede Information, die du brauchst, um zu entscheiden, ob das Garn zu deinem Projekt passt – und wie du es später behandeln musst. Hier kommt der vollständige Überblick.
Die wichtigsten Angaben im Überblick
1. Materialzusammensetzung. Hier steht, woraus das Garn besteht – meist in Prozent. „100 % Schurwolle“ ist eindeutig. „53 % Wolle, 47 % Polyacryl“ ist eine Mischung. Diese Angabe ist wichtig für Hautverträglichkeit, Pflege, Wärmeleistung und Umweltaspekte. Mehr zu den einzelnen Fasern findest du in unseren Artikeln zur Materialkunde.
2. Lauflänge. Die wichtigste Angabe für die Mengenkalkulation. Beispiel: „125 m / 50 g“ bedeutet, dass ein 50-g-Knäuel 125 Meter Faden enthält. Je höher die Lauflänge bei gleicher Grammatur, desto dünner das Garn. Bei großen Projekten (Pullover, Decken) hilft die Lauflänge, den tatsächlichen Verbrauch zu berechnen.
3. Empfohlene Nadelstärke. Meist in Form von zwei Zahlen: „4,0 – 4,5 mm“. Das ist die vom Hersteller empfohlene Spanne. In der Praxis kannst du davon abweichen – kleinere Nadel = festeres Maschenbild, größere Nadel = lockeres, luftigeres Bild. Die Nadelstärke ist Richtwert, nicht Gesetz.
4. Maschenprobe. Ein kleines Quadratsymbol mit Zahlen wie „22 / 30“ bedeutet: 22 Maschen × 30 Reihen ergeben mit der empfohlenen Nadelstärke ein 10 × 10 cm großes Stück. Diese Angabe ist die Referenz für deine eigene Maschenprobe.
5. Farbnummer und Partienummer. Zwei verschiedene Dinge, die oft verwechselt werden:
- Farbnummer (Color, Shade, Farbe): Bezeichnet die Farbe des Garns, z. B. „Smaragdgrün, Farbe 1234“.
- Partienummer (Lot, Charge, Bain): Bezeichnet die spezifische Färbecharge. Garne aus unterschiedlichen Partien können trotz gleicher Farbnummer minimal voneinander abweichen.
Warum das wichtig ist: Wenn du für ein größeres Projekt mehrere Knäuel kaufst, achte darauf, dass alle die gleiche Partienummer haben. Sonst kann zwischen zwei Knäueln im fertigen Pullover ein leichter Farbsprung sichtbar werden – besonders bei einfarbigen Stücken auf Tageslicht.
6. Pflegesymbole. Die kleinen Wäschesymbole sagen, wie das Garn gewaschen, getrocknet und gebügelt werden darf:
- Bottich mit Zahl (z. B. 30): Maschinenwäsche bis zu dieser Temperatur.
- Bottich mit einem Strich darunter: Schonwaschgang.
- Bottich mit zwei Strichen: noch schonender (Wollprogramm).
- Bottich mit Hand: nur Handwäsche.
- Quadrat mit Kreis: Trocknerverhalten.
- Bügeleisen mit Punkten: Bügeltemperatur.
- Kreis: chemische Reinigung.
- Symbol mit Querstrich: ausdrücklich nicht erlaubt.
7. Verbrauchsangabe. Manche Banderolen geben einen Richtwert für ein bestimmtes Standardprojekt an: z. B. „Damenpullover Größe 38: 450 g“. Das ist hilfreich für die Mengenkalkulation, aber nur ein Richtwert – dein tatsächlicher Verbrauch hängt von Größe, Muster und individueller Spannung ab.
8. Hersteller- und Herkunftsangaben. Adresse des Herstellers, manchmal auch das Herkunftsland der Faser. Zertifikate wie OEKO-TEX®, GOTS, RWS oder Mulesing-Free werden meist mit eigenem Logo dargestellt.
Die Symbole, die viele übersehen
OEKO-TEX® Standard 100. Garantiert, dass das Garn auf Schadstoffe geprüft wurde. Wichtig für Babykleidung und alles, was direkt auf der Haut getragen wird.
GOTS (Global Organic Textile Standard). Bio-Zertifikat für Naturfasern. Garantiert ökologisch korrekte Faserherkunft und faire Verarbeitung.
Mulesing-Free. Garantiert, dass die Wolle ohne die in einigen Ländern übliche Hautoperation an Schafen gewonnen wurde.
DIN EN 71-3. Spielzeugnorm. Wichtig für Häkeltiere und Babyprojekte.
Was nicht auf der Banderole steht – aber wichtig wäre
Die exakte Faserfeinheit. Bei Merinowolle entscheidet die Mikronzahl über Weichheit (15–17 mic = ultrafein, 20+ mic = klassisch). Diese Angabe steht selten direkt drauf – wer Wert darauf legt, fragt im Fachhandel nach.
Der genaue Garnaufbau. Ob ein Garn einfach gezwirnt, mehrfach verzwirnt oder als Kettengarn gefertigt ist, beeinflusst Stricken und Pflege. Steht selten auf der Banderole, ist aber bei haptischer Begutachtung erkennbar.
Verhalten beim Aufribbeln. Manche Garne lassen sich nach dem Stricken problemlos wieder aufmachen, andere haben sich beim ersten Stricken so verhakt, dass das Auflösen mühsam wird. Das verrät kein Etikett – nur die Erfahrung.
Banderole aufheben oder wegwerfen?
Aufheben. Immer mindestens eine Banderole pro Projekt aufheben, idealerweise klebst du sie in ein Strickjournal oder hängst sie ans fertige Stück. Du brauchst sie:
- für die Pflege (Waschtemperatur).
- für Reparaturen oder Erweiterungen (gleiche Partie).
- für eine spätere Bewertung der Materialqualität.
Zum Schluss
Die Banderole ist kein dekoratives Beiwerk – sie ist die komplette Gebrauchsanweisung deines Garns auf wenigen Quadratzentimetern. Wer sie lesen kann, vermeidet die häufigsten Fehler: zu wenig Garn gekauft, falsche Partie, falsch gewaschen, ungeeignet für das geplante Projekt. Es lohnt sich, einmal eine Banderole im Detail anzuschauen und sich die Symbole zu merken. Ab da liest du jedes Etikett in einer halben Minute – und triffst beim Kauf bessere Entscheidungen.


