
Es gibt ein erstes Strickprojekt, das fast jede Strickerin und jeder Stricker einmal in der Hand hatte: der Schal. Lang, gerade, kein Zuschnitt, keine Konstruktion, kein böses Erwachen am Halsausschnitt. Genau deshalb ist er ideal für den Einstieg. Hier kommt eine Anleitung, mit der du in fünf bis zehn Stunden deinen ersten eigenen Schal fertig hast – ohne Frust und mit einem Ergebnis, das du wirklich tragen wirst.
Was du brauchst
Garn:
- 200 – 300 g Wolle in mittlerer Stärke (4 – 5 mm Nadel passend).
- Empfehlenswert: reine oder gemischte Wolle, kein zu dünnes oder zu dickes Garn für den ersten Schal.
- Tipp: Eine einfarbige Wolle macht das Stricken übersichtlicher als ein Farbverlauf.
Nadeln:
- Stricknadeln passend zum Garn (steht auf der Banderole, meist 4,5 oder 5 mm).
- Empfehlung für Anfänger: Holz- oder Bambusnadeln. Sie haben mehr Grip, die Maschen rutschen nicht so leicht ab.
- Länge: ca. 35 – 40 cm.
Sonstiges:
- Eine Schere.
- Eine stumpfe Stopfnadel zum Vernähen am Ende.
Welche Maße?
Ein klassischer Erwachsenenschal:
- Breite: 18 – 25 cm
- Länge: 150 – 200 cm
Für ein Anfängerprojekt empfehle ich: 20 cm breit, 160 cm lang. Das ergibt einen tragbaren, klassischen Schal ohne dass es zu lange dauert.
Welches Muster?
Drei Empfehlungen für den ersten Schal:
1. Kraus rechts (jede Reihe rechts). Das einfachste Muster überhaupt. Stricke jede Reihe komplett rechts. Das Ergebnis ist eine wellige, beidseitig gleiche Struktur. Rollt sich nicht ein, sieht ordentlich aus, und du übst die Grundbewegung. Mein Top-Tipp für absolute Anfänger:innen.
2. Perlmuster. Etwas mehr Mustervielfalt, sieht „hochwertiger“ aus. Wechsel zwischen rechten und linken Maschen, in jeder Reihe versetzt. Siehe unseren Artikel zum Perlmuster.
3. 2×2-Rippenmuster. Strukturierter, mit klar erkennbarer Säulenoptik. Etwas mehr Übung mit Faden vor/hinter der Arbeit nötig.
Vorbereitung: Maschenanschlag
Wie viele Maschen brauchst du? Faustregel:
- Bei 4,5 mm Nadel und mittlerem Wollgarn: ca. 2 Maschen pro Zentimeter Breite.
- Für 20 cm Breite also etwa 40 Maschen.
Wichtig: Vorher Maschenprobe machen oder ein paar Reihen testen. Wenn du merkst, dass es zu schmal oder zu breit wird, einfach noch mal aufribbeln und neu anschlagen.
Beim Anschlag empfehle ich den Kreuzanschlag (siehe unser Anleitungsartikel zum Maschenanschlag) – er ist stabil, sauber, der Standard für solche Projekte.
Schritt für Schritt
Schritt 1: Anschlag
Schlage 40 Maschen mit Kreuzanschlag an. Wichtig: nicht zu fest. Wer dazu neigt, eng zu arbeiten, kann auch mit einer halben Nummer größerer Nadel anschlagen.
Schritt 2: Erste Reihen
Stricke die erste Reihe rechts. Jede Masche genauso wie auf der Anschlagnadel hinüberholen, mit dem Faden hinter der Arbeit.
Bei kraus rechts: ab jetzt jede Reihe rechts stricken, bis der Schal die gewünschte Länge hat.
Bei Perlmuster oder Rippenmuster: dem Muster folgen.
Schritt 3: Rhythmus finden
Die ersten 5 – 10 Reihen sind die schwierigsten. Maschen rutschen, Faden wickelt sich, Hände finden ihre Position. Das normalisiert sich.
Tipp: Markiere mit einem Maschenmarkierer oder mit einem kleinen Klebezettel die „Hinreihe“ und die „Rückreihe“, wenn du dich sonst verheddern würdest.
Schritt 4: Reihen zählen
Bei einem 160-cm-Schal mit ca. 30 Reihen pro 10 cm strickst du etwa 480 Reihen. Das wirkt viel – aber bei einer halben Stunde am Abend sind es 25 – 35 Reihen, also rund 15 – 20 Abende insgesamt.
Tipp: Notiere die Reihenanzahl auf einem Zettel oder Strick-App. Sich am Maschenfortschritt zu orientieren motiviert.
Schritt 5: Abketten
Wenn der Schal die gewünschte Länge hat: locker abketten. Mehr dazu in unserem Artikel zum Abketten. Für einen Schal ist die klassische Abkettmethode völlig ausreichend.
Schritt 6: Vernähen
Anfangsfaden und Endfaden mit der Stopfnadel auf der Rückseite vernähen, etwa 5 cm in einer Maschenreihe, dann 5 cm in entgegengesetzter Richtung. Mehr dazu im Artikel zum Vernähen.
Schritt 7: Blocken (optional, aber empfohlen)
Vor dem ersten Tragen: Schal kurz handwarm waschen, sanft ausdrücken, flach auf ein Handtuch legen, in Form ziehen, trocknen lassen. Das glättet das Maschenbild und macht den Schal weicher und „fertiger“ wirkend.
Häufige Anfängerfehler
Maschen werden mehr. Du hast versehentlich Umschläge gemacht oder Randmaschen verdoppelt. Lösung: Nach jeder zweiten Reihe Maschenanzahl prüfen. Sollte konstant bleiben.
Maschen werden weniger. Maschen sind heruntergefallen oder du hast versehentlich zwei zusammen gestrickt. Maschen rechtzeitig retten.
Schal rollt sich ein. Bei glatt rechts gestrickt? Das ist normal (siehe Artikel zum Einrollen). Lösung: Lieber kraus rechts oder Perlmuster wählen, oder seitliche Bündchenstreifen aus 5 Maschen Perlmuster einarbeiten.
Spannung schwankt stark. Ist normal beim ersten Schal. Wird beim Blocking gemildert.
Schal wird breiter, je länger er wird. Wahrscheinlich wechselt deine Spannung im Lauf des Strickens. Bewusst gleichmäßig halten – oder nach dem Blocken misst du nochmal: Oft sieht das Stück nach dem Trocknen plötzlich gleichmäßig aus.
Zum Schluss
Ein selbst gestrickter Schal ist nicht nur ein erstes Projekt – er ist oft ein bleibendes Stück, das jahrelang im Einsatz bleibt. Auch wenn die ersten paar Reihen ungeübt aussehen: Der ganze Schal hat einen Charakter, den kein Industrieprodukt hat. Wer einmal die Bewegung sitzen hat und einen ersten Schal in der Hand hält, ist meistens nicht mehr aufzuhalten. Mütze, Stulpen, Stirnband – alles wird ab da denkbar.


