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Continental vs. Englisch stricken – welche Technik passt zu dir?


Zwei gestrickte Maschenproben mit Garn und Holznadeln

Es gibt grundsätzlich zwei Arten, eine Strickmasche zu bilden: die kontinentale (auch „deutsche“ oder „europäische“) Stricktechnik und die englische (oft „amerikanische“ genannt). Beide produzieren das gleiche Ergebnis – das fertige Maschenbild ist identisch. Was sich unterscheidet, ist wie der Arbeitsfaden gehalten und geführt wird. Welche Methode besser ist, hängt vom Projekt, von der Person und manchmal vom körperlichen Befinden ab.

Was unterscheidet die beiden Techniken?

Beim kontinentalen Stricken liegt der Arbeitsfaden über dem Zeigefinger der linken Hand. Die rechte Nadel „holt“ den Faden mit einer kleinen Drehbewegung durch die Masche – ähnlich wie beim Häkeln. Die linke Hand spannt den Faden, die rechte Hand führt die Bewegung.

Beim englischen Stricken wird der Faden mit der rechten Hand geführt. Bei jeder Masche wird er aktiv um die rechte Nadel gelegt („gewickelt“) und dann durchgezogen. Die linke Hand hält die Maschen, die rechte Hand übernimmt die ganze Fadenarbeit.

Wer sich beide Methoden einmal nebeneinander angesehen hat, erkennt den Unterschied sofort: Continental wirkt minimaler, englisch deutlicher und bewusster.

Continental – die Vorteile

Tempo. Continental gilt als die schnellere Methode. Weil die Bewegung kürzer ist und der Faden nur „geholt“ statt „gewickelt“ wird, kommen geübte Continental-Strickerinnen auf eine deutlich höhere Geschwindigkeit. Wer große Projekte plant – Pullover, Decken, Cardigans – spart hier im Lauf eines Projekts Stunden.

Übergang vom Häkeln. Wer schon häkelt, hält den Faden ohnehin in der linken Hand. Der Wechsel ins Stricken fällt dadurch leichter, weil die Hand-Logik schon vertraut ist.

Weniger Bewegung im Schultergürtel. Da die rechte Hand sich kaum vom Strickstück löst, sind die Bewegungen kleiner. Bei langen Strick-Sessions kann das die Schulter entlasten.

Continental – die Grenzen

Linke Maschen sind etwas trickier. Bei der linken Masche muss der Faden mit dem Zeigefinger leicht „geknickt“ werden, damit die Nadel ihn aufnehmen kann. Anfänger:innen empfinden das oft als ungewohnt und unsauber im Spannungsbild.

Spannungskontrolle braucht Übung. Weil der Faden nur über den Zeigefinger läuft, hängt die Spannung sehr von der Fingerhaltung ab. Bis das gleichmäßig sitzt, kann es ein paar Stunden dauern.

Englisch – die Vorteile

Einfachere Mustertechniken. Beim Stricken mit zwei Farben (Fair Isle, Norwegermuster) und bei strukturierten Mustern empfinden viele die englische Methode als kontrollierter. Die Wickelbewegung gibt klarere Maschen, die Spannung ist konstanter.

Sauberere linke Maschen. Weil der Faden bewusst um die Nadel geführt wird, sehen linke Maschen oft gleichmäßiger aus als bei Continental. Wer viel Rippenmuster oder Strukturmuster strickt, schätzt das.

Anfänger:innen kommen schneller rein. In vielen Lehrvideos und Strickbüchern – besonders in englischsprachigen Quellen – wird die englische Methode gezeigt. Wer nach diesen Anleitungen lernt, hat es einfacher, wenn die Hände-Position stimmt.

Englisch – die Grenzen

Tempo. Mehr Bewegung pro Masche bedeutet zwangsläufig mehr Zeit. Wer schnell stricken will, stößt mit englisch eher an eine Grenze.

Anstrengender bei langen Sessions. Weil die rechte Hand bei jeder einzelnen Masche aktiv den Faden führt, ist die Belastung des rechten Handgelenks und Daumens höher. Bei Sehnenscheidenproblemen ein echtes Argument gegen diese Methode.

Welche Technik passt zu wem?

Continental ist meist die richtige Wahl, wenn:

  • du schon häkelst und die linke Hand den Faden gewohnt führt,
  • du große Projekte planst und Tempo wichtig ist,
  • du möglichst wenig Schulter- und Armbewegung haben willst,
  • du längere Strick-Sessions machst.

Englisch ist meist die richtige Wahl, wenn:

  • du komplett neu startest und nach klassischen Lehrbuchanleitungen lernst,
  • du häufig mit zwei Farben gleichzeitig strickst,
  • du sehr gleichmäßige linke Maschen brauchst (Rippen, Strukturen),
  • du kein Tempoproblem hast und lieber bewusst arbeitest.

Beide gleichzeitig lernen?

Manche fortgeschrittene Strickerinnen beherrschen beide Techniken – und nutzen sie gezielt. Beim mehrfarbigen Stricken zum Beispiel führt man eine Farbe mit Continental und die andere mit englisch, weil sich beide Hände unabhängig voneinander bewegen können. Wer bei Norwegermustern oder Fair Isle ernsthaft einsteigen will, profitiert davon enorm.

Für den Anfang ist das aber nicht nötig. Eine Methode richtig zu beherrschen ist wertvoller, als zwei halb zu können.

Die häufigsten Missverständnisse

„Continental ist objektiv besser.“ Stimmt nicht. Continental ist meistens schneller – aber Geschwindigkeit ist nicht für jede Person das wichtigste Kriterium. Wer Stricken als Entspannung versteht, hat von einer schnelleren Methode wenig Mehrwert.

„Wenn ich englisch gelernt habe, kann ich nicht mehr wechseln.“ Doch. Der Wechsel ist erst mal frustrierend, aber er ist machbar. Plane für eine ernsthafte Umstellung etwa zwei Wochen Übung mit kleineren Stücken ein.

„Die Maschen sehen unterschiedlich aus.“ Bei der gleichen Spannung produzieren beide Methoden identische Maschen. Wenn dein Strickbild bei Methodenwechsel anders aussieht, liegt das an einer anderen Spannung – nicht an der Methode selbst.

Zum Schluss

Es gibt keine „richtige“ Stricktechnik – es gibt nur die, die zu dir passt. Wer sich beim Stricken wohlfühlt, gleichmäßig arbeitet und am Ende mit dem Ergebnis zufrieden ist, hat die richtige Methode gefunden. Wer mit der gewählten Technik kämpft, sollte bewusst die andere ausprobieren – manchmal ist genau das der Wechsel, der das Stricken vom Pflichtprogramm zum echten Vergnügen macht.

Amelie

Ich bin Amelie (31), verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Stricken und Häkeln habe ich mir selbst beigebracht – abends auf dem Sofa, mit schlafendem Baby neben mir und vielen wieder aufgetrennten Reihen. Heute liebe ich genau diesen Weg: ausprobieren, Fehler machen und daraus lernen.

Besonders gern arbeite ich mit weichen Naturgarnen und alltagstauglichen Projekten – von Accessoires bis Geschenken. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps für entspanntes, kreatives Handarbeiten.